Die natürliche Ordnung

October 2, 2018

In den letzten Wochen habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht über ein Thema gemacht, dem ich hier einmal den Arbeitstitel: „Die natürliche Ordnung“ geben möchte. Es begann mit einer spannenden Information, die ich beim Pferdecoaching mit Leonie Malcher 1 erhielt.

 

Leonie sagte:

„Die Leitstute führt die Herde. Der Leithengst bildet den Abschluss und treibt die Herde von hinten an.“

 

Diese wenigen, doch so essentiellen Worte stießen Prozesse in mir an, die ich gerne teilen möchte.

 

Die optimale Gruppenstruktur für einen Ausflug

Einige Tage später, verbringen mein Partner und ich das Wochenende mit seinem kleinen Sohn. Wochenendmama über Nacht zu werden ist wunderschön und eine große Herausforderung. Bei einem Ausflug mit dem Fahrrad spüre ich immer wieder in die verschiedenen Situationen hinein und beobachte.

Was geschieht, wenn ich mal in der Mitte, mal hinten fahre und wie fühle ich mich dabei?

Es geht chaotisch zu. Einer überholt den anderen und dabei vergisst man auf die Umgebung zu achten. Ich fühle mich seltsam fehl am Platz.

Was geschieht, wenn ich hinten fahre und wie fühlt es sich an?

Die Jungs fahren immer weiter nach vorne, ohne auf mich zu achten. Sie scheinen es als Sieg zu betrachten, mir davon gefahren zu sein. Die Gruppe ist somit auseinandergebrochen. Ich sehe keinen Sinn in meinem hiersein und es macht mir auch keinen Spaß.

Was geschieht, wenn ich vorne fahre, der Kleine in der Mitte und mein Partner ganz hinten?

Ich fühle mich richtig gut, denn ich gebe das Tempo und die Richtung vor. Ich nehme meine Aufgabe wahr und fühle mich nicht gedrängt. Der Kleine kann sich entspannen und umschauen, wir unterhalten uns angeregt über die tollen Dinge, die er wahrnimmt. Mein Partner hält das Tempo von hinten und hat alles im Überblick. Der Ausflug gelingt sicher und entspannt. Es fühlt sich ganz natürlich an.

 

Einige Tage später bietet sich mir die Möglichkeit, die „natürliche Ordnung“ in einer größeren Gruppe zu testen. Dabei stellt sich heraus, dass die „Herde“ am schnellsten und sichersten ans Ziel gelangt, wenn die Leitstute vorausgeht und danach die jüngeren Stuten folgen. Sie sind so sehr ins Gespräch vertieft, dass sie einfach in der Gruppe mitlaufen. Dass sie ihr Tempo halten, liegt daran, dass hinter ihnen die jungen Hengste laufen. Sie treiben die Stuten an, ohne aber die Leitstute, die vorne läuft, zu sehr zu bedrängen. Der Leithengst bildet den Abschluss und sammelt eventuelle Ausreißer sofort ein. Diese Struktur sorgt dafür, dass alle geschlossen im vorgegebenen Tempo das Ziel erreichen. Es entstehen keine Lücken. Das verrückte daran ist, dass es sich für jeden Einzelnen, egal an welcher Position er sein mag, völlig natürlich und entspannt anfühlt.

 

„Die natürliche Ordnung“ in der Familie

Ist es möglich das Herdenverhalten der Pferde auf die Struktur in der Familie zu übertragen? Wie funktioniert es im Alltag, oder im Urlaub?

Gerade habe ich mehr als eine Woche Urlaub alleine hinter mir und in wenigen Tagen hole ich meine beiden Männer, den Kleinen und den Großen vom Bahnhof ab, um die die restliche Urlaubszeit mit ihnen zu verbringen. Am Telefon wird mir plötzlich sehr mulmig als ich die beiden Stimmen höre. „Was ist los mit mir?“ frage ich mich. Ich fühle mich gestresst und unsicher. „Dem musst du auf den Grund gehen!“ sage ich mir und spüre mit Hilfe der Seelenatmung in das Thema hinein.

Beim Betrachten meiner eigenen Familienstruktur unter den Aspekten der „natürlichen Ordnung“ wird mir folgendes klar: Die Aufgabenverteilung meiner Eltern bestand darin, dass mein Vater, wenn er nicht arbeitete, die gesamte Verantwortung übernahm. Er war also Leitstute und Leithengst gleichzeitig. Wenn er arbeitete, übernahm meine Mutter beide Aufgaben. Sie taten das aus Liebe und weil sie glaubten, es sei richtig. Dies führte jedoch nicht nur zu ungeheuerem Stress bei beiden, sondern auch dazu, dass meine Mutter sich, wenn mein Vater die Aufgaben übernahm, ziemlich überflüssig vorkam. Ständiges Nachfragen und keine Entscheidungen im eigenen Aufgabenfeld treffen zu können, führte auch dazu, dass viel gestritten wurde.

 

Die Aufgabe der Leitstute ist es ja nicht nur, das Tempo vorzugeben, sie betrachtet die Umgebung auch unter dem Aspekt, die Möglichkeiten zu finden, in denen die Bedürfnisse der Gruppe gestillt werden können. Wenn die Gruppe rastet, hat sie im Blick, was gebraucht wird. Nahrung, Schlaf, soziale Interaktion und nicht zu vergessen Spaß. Die Herdenmitglieder spüren, dass sie Bedeutung haben und an sie gedacht wird.

Die Aufgabe des Leithengstes ist für die Sicherheit der Gruppe zu sorgen, für den Zusammenhalt und für die Einhaltung der Regeln des Miteinanders. Hierfür braucht es Stärke, Klarheit und Authentizität.

 

Wenn jetzt also Vater oder Mutter beide Aufgaben erfüllen sollen, geraten sie natürlich unter Stress. Dadurch ist es wiederum klar, dass einige Bereiche leiden werden. Vielleicht wird die Mutter, in ihrer Rolle das vorantreiben des Tempos vernachlässigen. Der Vater vielleicht das Bedürfnis der Gruppe nach Spaß.

 

Beispielsweise fuhren wir jedes Jahr mit der ganzen Familie zum Wandern nach Österreich. Mein Vater wollte gefühlt jeden Tag einen anderen Gipfel erklimmen und meist machte es uns dann auch Spaß, dort irgendwo herumzuklettern. Bei einem der Wanderpfade kam man zuerst an einen Fluss, der am Ufer mit unzähligen Steinen bedeckt war. Mein Bruder und ich wollten so gerne dort spielen und es wäre doch in Ordnung gewesen, einmal zur Abwechslung einfach nur dort Steine zu klopfen und nach verborgenen Schätzen zu suchen. Meine Mutter blickte meinen Vater an und er schüttelte den Kopf. Also stiegen wir den Berg hinauf. Im nächsten Jahr wiederholte sich das Szenario von Neuem. Und im Nächsten ebenfalls. Mein Vater hatte als einziger Spaß. Wir Kinder aber wurden immer bockiger und schon bald wurde ich wütend, wenn man nur das Wort wandern in meiner Nähe in den Mund nahm. Das Bedürfnis nach Bedeutung und nach Spaß war übergangen worden.

 

Das daraus folgende Problem ist also, dass die „Herdenmitglieder“ unzufrieden werden. Sie werden zuerst leise und dann lauter ihre Bedürfnisse äußern, in der Hoffnung, dass sie erfüllt werden. Sie werden unruhig, denn plötzlich können sie sich nicht mehr, wie für junge Menschen üblich, um sich selbst und das Beobachten, Staunen und Lernen kümmern. Sie werden gezwungen, sich über ihre Grundbedürfnisse Gedanken zu machen. Stress und Unsicherheit entstehen. Sie fühlen sich übergangen und das steht in Konflikt mit ihrem ganz natürlichen Bedürfnis nach Bedeutung. Verweigerung, Rückzug und einiges mehr entsteht dadurch, dass sich der Stresslevel bei allen Beteiligten langsam hochschaukelt.

 

Wenn Eltern in der „natürlichen Ordnung“ ihre Aufgaben erfüllen, dann klappt das sogar, wenn ein Teil mal nicht da ist. Denn er gibt dann entweder die nötigen Informationen im Vorfeld heraus, oder man spricht sich kurz zwischendurch ab. Das ist möglich, weil jeder entspannt ist und daher den Überblick hat.

 

Doch kommen wir zurück zu mir und meinem Gefühl während des Telefonats. Mir wurde klar, dass mich die Tatsache, dass meine beiden Männer jetzt zu mir in den Urlaub kommen, an meinen Urlaubstresslevel als Kind erinnert hatte. Ich verspürte dasselbe Unwohlsein, dieselbe Überforderung. Dadurch entstand die großartige Chance dem Gefühl nachzuspüren und mich in die verschiedenen Perspektiven zu versetzen. Es ist die Entspannung, die ich mir für mich und meine Liebsten wünsche und die ganz automatisch entsteht, wenn die „natürliche Ordnung“ in der Familienstruktur eingehalten wird.

 

Was ich jetzt tun werde? Ich werde einfach meine Aufgabe übernehmen und mich im Urlaub entspannen.

Und du?

 

 

Wow, der Text ist jetzt aber viel länger geworden, als ich das geplant hatte ;-) Wenn du bis hierher gelesen hast, Respekt!

Ich danke dir für deine Aufmerksamkeit und hoffe, dass dich meine Gedanken beim eigenen Nachspüren unterstützen.

 

 

1 Leonie Malcher, Pferdegestütztes Coaching, www.leonie-malcher.de

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